Blogbeitrag

Der hohe Preis der Freiheit!

Es ist immer schmerzhaft, wenn man einer Gemeinde, einer Gemeinschaft oder einer Familie den Rücken kehrt, und zwar für immer. Weil man anders ist und in der Enge dieser Community nicht atmen kann. So geschehen auch mit Deborah Feldman als sie 23 war. In ihrer autobiographischen Erzählung „Unorthodox“ schreibt sie sehr offen und mit vielen intimen Details über ihre Kindheit, Jugend und ihre Befreiung von den religiösen und traditionellen Fesseln der chassidischen jüdischen Gemeinde in New York, in die sie hineingeboren wurde.

Sie beschreibt das für sie vorgesehene Leben in einer arrangierten Ehe mit klassischer Rollenverteilung und der nicht vorhandenen partnerschaftlichen Beziehung, weil alles im Leben ihrer Familie einen gesellschaftlichen Akt darstellt. Wahnsinn, habe ich gedacht, als ich dieses Buch gelesen habe. Die patriarchalen Strukturen sind überall auf der Welt die gleichen, die Gefühle der Frauen sind dieselben, der Schmerz, einfach alles. Mir ist die Autorin aus dem Film „Female Pleasure“ bekannt und ich kenne auch grob ihre Geschichte. Ihr Schrei nach Freiheit, ihr Aufbegehren, ihre Neugier, ihr Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Aber auch ihre Hilflosigkeit, die sie dazu zwingt als junge Frau die vorgegebenen Zwänge zu ertragen, ihre Unfähigkeit, aus diesem engen, dunklen Raum auszubrechen. All diese Gefühle und Situationen, die sie sehr bildlich beschreibt, sind mir bekannt. Sie schreibt über Themen, mit dem ich mich auch seit Jahren beschäftige: Zwangsheirat, patriarchale Strukturen und Gewalt, um dieses Lebensmodell aufrecht zu erhalten. Ich bin erschüttert und bewundere gleichzeitig ihren starken Willen.

Wie viel Mut, Kraft und Angst musste diese junge Frau überwinden, um sich zu wehren. Ihre Entscheidung „Lieber verängstigt und allein als gelangweilt“ kann nur eine Person verstehen, die wirklich ängstlich ist. Angst ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben und erklären kann, Angst ist lähmend und macht einen Menschen schwach. Dass Deborah Feldman trotz dieser Angst ihren Weg in die Freiheit gefunden hat, ist großartig und so unbeschreiblich wertvoll. Sie hat die untergeordnete, benachteiligte und traditionelle Rolle, die ihr als Frau zugewiesen wurde, hinter sich gelassen. Ebenso alle restriktiven Rituale und Regeln einer Gesellschaft, die bewusst ihre Kinder erst kurz vor der Hochzeit sexuell aufklärt (Mädchen mit 17/18 Jahren und Jungs mit etwa 20 Jahren), in Kursen in der Gemeinde auf Traditionen und Ehe vorbereitet und die die Kinder absolute Gehorsamkeit und Unterordnung lehrt. Die Autorin beschreibt die frommen Mitglieder der chassidisch-jüdischen Community in New York als abgeschottet unter sich lebende Menschen, die das Fremde als böse, schlecht und gefährlich wahrnehmen. Nur ein koscheres Leben mit den eigenen, strengen Ritualen ist erlaubt, wie bei allen intoleranten, totalitären und extremistischen Gruppen.

Mich erschüttert aber auch, dass solche autobiographischen Bücher, in denen ein „Opfer“ sich outet, so gut ankommen. Dem Leser wird ein Schicksal präsentiert, die Geschichte bekommt ein wirkliches Gesicht und promt ist sie in aller Munde. Alle gieren nach den Details aus einem echten Leben. Es geht auf der Welt so vielen jungen Frauen aus den unterschiedlichsten Communities ähnlich wie Deborah Feldman. Inzwischen lebt sie in Berlin und hat ein weiteres Buch geschrieben „Überbitten“ die Frage danach, sich mit Vergangenheit zu versöhnen und voller Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

Es werden weltweit so viele Mädchen in eine Ehe gezwungen, in der sie einfach nur funktionieren und sich der Gesellschaft unterordnen. Wir müssen alle mehr Verantwortung tragen, um patriarchale Strukturen zu zerschlagen und für die Freiheit von allen Frauen kämpfen!