Blogbeitrag

Kinder brauchen Liebe. Erwachsene auch!

„Astrid“, Regie: Pernille Fischer

„Astrid“, so heißt der Film, in dem die jungen Jahre der berühmten schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren gezeigt werden. Im Holi Kino in Hamburg habe ich ihn heute gesehen und bin überwältigt. Absolut empfehlenswert!

Astrid ist eine unangepasste Rebellin, die in das Korsett einer traditionell religiösen, dörflichen Erziehung gezwängt wird, aber auch Bildung genießen und in einer Redaktion arbeiten darf. Als sie sich die Haare abschneidet, ist der Kommentar der Mutter nur „damit kommst du direkt in die Hölle“. Einerseits ist ihr Heimatort idyllisch und wunderschön. Andererseits sind Religion und Konventionen übermächtig. Geboren 1907, wird Astrid mit 18 schwanger. Der Vater ihres Kindes ist verheiratet und viel älter als sie selbst. Sie verlässt das Dorf, macht in Stockholm eine Ausbildung zur Sekretärin und bekommt ihr Baby anonym in Dänemark. Großartig gespielt von der schwedisch-dänischen Alba August, die gleichermaßen Jugend und Zerbrechlichkeit, aber auch Stärke und Mut verkörpert.

Waren es die Traurigkeit und die Erfahrungen aus dieser Zeit, die Astrid Lindgren die Ideen für ihre Bücher geliefert haben? Ist sie mit ihren Geschichten der Realität entflohen? Hat sie deshalb Kinder so gut verstanden, weil sie so lange auf ihr eigenes verzichten musste? Sie hinterlässt uns ihre wunderbaren Kinderbücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ihre außergewöhnlichen Helden haben viele Kinder geprägt. Eine Pippi Langstrumpf beispielsweise ist mit ihrem Eigensinn und ihrem Mut auch heute ein starkes Vorbild für Mädchen. Gerade in Zeiten, in denen jungen Frauen Schönheitswahn als das wahre Glück verkauft wird, ist eine freche und geistreiche Pippi wenigstens in der Kindheit unverzichtbar.

Für mich ist dieses Biopic auch eine Emanzipationsgeschichte, die schmerzhafte Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. In einer Zeit, in der sogar die eigene streng religiöse und konventionelle Mutter der Tochter rät, das unehelich geborene Kind wegzugeben und zu vergessen. Astrid muss ihr Kind für einige Jahre bei einer Pflegemutter lassen und kann es erst zu sich holen, als sie genug Geld verdient. Ja, auch heute sind Frauen, sobald sie ein Kind haben, in einer abhängigen und schwachen Position, häufig auch dann, wenn sie Netzwerke und finanzielle Mittel haben. Viele Konflikte in Beziehungen entstehen oder verschärfen sich oft mit dem ersten Kind und der neuen Rolle, mit der moderne, unabhängige, berufstätige Frauen zurecht kommen müssen.

So herzlos die eigene leibliche Mutter ist, so liebevoll kümmert sich eine wildfremde Helferin um Astrid und ihr Neugeborenes. Es tut gut, Verbündete zu haben, die einem Hoffnung geben, überall auf der Welt, in unterschiedlichsten Situationen und in allen Zeiten. Häufig sind es gerade nicht die Eltern, die einen verstehen und es sind auch nicht immer die vermeintlich Liebsten, die Trost spenden oder für einen da sind. Schön, dass es auch andere Menschen gibt.