Blogbeitrag

Ruhe in Frieden, liebe Aynur Hatun Sürücü!

Heute vor genau 15 Jahren wurde Aynur Hatun Sürücü „im Namen der Ehre“ in Berlin an einer Bushaltestelle von ihrem Bruder hingerichtet. Schon länger mißbilligte ihre Familie ihren Lebensstil, der nicht den eigenen traditionellen Wertvorstellungen entsprach. Hatun Sürücü gelang es zwar, sich körperlich aus den patriarchalen Familienstrukturen zu befreien, aber die emotionale Distanziereung von der Familie schaffte sie nicht. Sie ließ sich von ihrem Ehemann scheiden, legte ihr Kopftuch ab, lebte allein mit ihrem Sohn und hatte einen deutschen Freund. Jede einzelne dieser Tatsachen stellte in den Augen der Familie eine unerträgliche Schande, einen Angriff auf die Ehre der gesamten Familie und in der Gesamtheit die Begründung für das Todesurteil für die damals 23jährige Frau dar.

Regisseurin Sherry Horman, gibt Hatun Sürücü in dem Kinofilm „Nur eine Frau“ von 2019 eine Stimme, die immer wieder um die Liebe der Familie bettelt und fleht. Trotz der Gewalt und Ernierigungen, die Hatun Sürücü von allen Familienmitgliedern erfährt, möchte sie von dieser anerkannt und geliebt werden und hält den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht, was ihr zum Verhängnis wird. Ein berührender Film über ein junges Leben, dass von der eigenen Familie zerstört wird.

DAS GERAUBTE GLÜCK: Kapitel 9 „Die getöten Töchter – Wie es zu Ehrenmorden kommt“

Seit dem Mord an Aynur Hatun Sürücü wird in Deutschland über „Ehrenmorde“ diskutiert und Experten zum Thema befragt. Was können wir tun, damit diese Form der patriarchalen Gewalt aufhört? Natürlich gibt es kein Patentrezept, aber es gibt viele Faktoren, die das Risiko verringern. Ich vergleiche es mit einer Krankheit, bei deren Bekämpfung wir einerseits Medikamente und Therapien einsetzen, aber auch Ernährung, Bewegung, Lebenswille, Kampfgeist und letzen Endes vielleicht auch soziale Kontakte und positive Energie zur Genesung beitragen. Wir brauchen im Kampf gegen patriarchale Strukturen die Anwendung unserer Gesetze, viele Verbündete, Aufklärung über Freiheit, Menschenrechte und Frauenemanzipation und all das schon sehr früh in der Kita, Vorschule und Grundschule. Nicht nur die sogenannten Ehrenmordfälle sollten uns erschüttern, sondern auch die Tatsache, dass in Deutschland jeden Tag ein (Ex-)Mann versucht, seine (Ex-)Frau bzw. (Ex-)Partnerin umzubringen, 122 Frauen starben 2018. Wir müssen daher über Femizide reden, über die Ermordung von Frauen, weil sie Frauen sind und weil sie selbstbestimmt, frei und unabhängig leben wollen oder weil sie sich einfach nur vom Partner trennen. Hinter diesen Morden steckt ebenfalls ein frauenfeindliches Mindset, nämlich das des gekränkten Mannes. Auch darüber müssen wir reden. Frauen und Mädchen haben das Recht, über ihr Glück selbst zu entscheiden, über diese Rechte müssen wir sie früh aufklären und bei jeder Gelegeneheit verteidigen. Natürlich sollen Familien fürsorglich sein, ihre Kinder beschützen und ihnen den richtigen Weg zeigen, aber in letzter Konsequenz liegt die Entscheidung über das eigenen Leben bei jedem Individuum. Für diese alltäglichen Freiheiten müssen wir uns einsetzen, auch wenn Verbote, Einschränkungen und Gewalt uns und unsere Familien nicht betreffen. Denn jeder Mord an einer Frau ist gleichzeitig ein Angriff auf unsere freiheitlichen Werte und unsere emanzipatorischen Errungenschaften, für die viele Generationen vor uns gekämpft haben. Wir dürfen keine Zwänge dulden, die der Kontrolle und Unterdrückung von Frauen dienen. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die in unserem Grundgesetz verankert ist, darf nicht durch kulturelle, traditionelle oder religiöse Argumente erschüttert werden. Sie muss in unserer alltäglichen Kommunikation immer oberstes Gebot sein.

Rote Schuhe als Symbol für Gewalt gegen Frauen

Damit es gar nicht erst zu Verbrechen im Namen der Ehre kommt brauchen wir Schutz und Unterstützung für Frauen und Mädchen in akuten Gefahrensituationen, aber auch Sensibilisierung, Bewusstseinsbildung und Aufklärung in der Gesamtbevölkerung. Gesellschaftliche Veränderungen haben eine eigene Dynamik, moderne und offene Denkstrukturen kann man Menschen nicht überstülpen, sie müssen sich entwickeln und wir müssen immer wieder dafür kämpfen, dass Gleichberechtigung, Freiheit, und Gleichstellung nicht verloren gehen, dass keine konservative und frauenfeindliche Atmosphäre sie zerstört.

Aynur Hatun Sürücü bringt keine unserer Bemühungen und Kämpfe zurück, aber vielleicht kann unser Einsatz und unsere Aufmerksamkeit zukünftig andere Frauen vor solch einem grausamen Verbrechen bewahren. Wir tragen alle Verantwortung dafür, wie wir leben wollen.